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Die Pikten – Schottlands geheimnisvolles Urvolk

Als bemalte Wilde galten sie lange Zeit. Doch heute weiß die Wissenschaft: Bei den Pikten handelte es sich nicht um ein primitives Volk. Sie hatten eine faszinierende Kultur.

Die Pikten sind ein schottisches Urvolk, das in den ersten Jahrhunderten nach Christus weite Teile des heutigen Schottlands beherrschte. Ihren Namen haben sie vom alteinischen „picti“, die bemalten. Die Pikten sind geheimnisvoll, denn es gibt nur wenig Schriftliches über sie. Daraus leiteten frühere Forscher die falsche Annahme ab, dass die Pikten primitiv gewesen wären und keine Schriften hinterlassen hätten. Stattdessen projizierte man das Bild eines nackten und wilden Stammeskrieger auf sie. Ein Bild, das wunderbar zu den romantischen Idealen mancher damaligen Schriftsteller passte, die – wenn man es mit anderen Urvölkern vergleicht -, am Ende eine Art Highland-Indianer aus den Pikten machten. Wild, romantisch, aber ungebildet.

Pikte
Theodor de Bry [Public domain],
via Wikimedia Commons

Doch irgendwas stimmte da nicht: Konnte ein primitives Volk so kunstvolle Stein-Stelen hervorbringen, wie zum Beispiel die in Shandwick? Wie passen die Ausgrabungen von Portmahomack ins Bild, die ein großes piktisches Kloster hervorbrachten, das mit dem berühmten Iona vergleichbar war? Wie konnten sich diese angeblich Wilden gegen gut organisierte Reiche wie Dalriada erfolgreich zu Wehr setzen? Und musste das Fehlen von Schriften auch bedeuten, dass es nie welche gab?

Heute weiß man: Das alte Bild war falsch. Tatsächlich waren die Pikten eine Kultur, die genauso hoch stand, wie die anderen britischen Reiche zu dieser Zeit. Dennoch bleibt noch viel offen, in der Piktenforschung.

Die Herkunft und Sprache der Pikten

Man kann es nicht sicher sagen, woher die Pikten ursprünglich kamen, dazu gibt es einfach zu wenig Anhaltspunkte. So bleiben nur wahrscheinliche und weniger wahrscheinliche Theorien. Die derzeit von den meisten Gelehrten vertretene besagt, es wären Kelten gewesen, die zwischen 1000 und 500 vor Christus nach Großbritannien eingewandert waren und mit den Völkern vor Ort verschmolzen sind. Diese Kelten, die vielleicht aus Gallien über den Ärmelkanal gekommen waren, fand dann auch Julius Cäsar vor, als er die ersten Feldzüge auf der britischen Insel durchführte.

Diese Theorie sagt auch etwas über die Sprache der Pikten. So vermutet man, dass das Piktische dem Walisischen nicht nicht unähnlich sei, was man von Ortsnamen und anderen Hinweisen ableitet. Beweisen kann man auch das freilich nicht, denn es gibt eben keine Schriftstücke in piktischer Sprache. Kein Wunder. Denn das Schreiben kam erst mit den christlichen Geistlichen, und die schrieben stets in Latein. Abgesehen davon hat auch kein Werk aus der Region und der Epoche die Zeiten überdauert.

Shandwick Stone Vorderseite
Shandwick Stone Vorderseite

Zumindest weiß man aber das: Auch wenn beides keltische Sprachen waren, Piktisch und Gälisch sind so unterschiedlich gewesen, dass es Übersetzer dafür gebraucht hat. Denn entsprechende Hinweise darüber finden sich in der Chronik von Iona.

Die Zeit der Pikten

Die Pikten – das Wort fiel zum ersten Mal Ende des 3. Jahrhunderts, als ein römischer Gelehrter von den “Iren und Pikten” im Norden Englands sprach. “Pikten” das bedeutet “die Bemalten”, denn es war wohl bei ihnen Brauch, sich zu tätowieren – und allem Anschein ist zumindest das kein Klischee sondern die Wahrheit. Doch zu der Zeit waren die Pikten wohl eher eine Sammelbezeichnung für die Stämme im Norden Schottlands.

Die Römer hatten im ersten Jahrhundert nach Christus die halbe Insel unterworfen und dort ihre Kultur etabliert. Der Norden Britanniens, also Schottland, blieb unbesetzt aber nicht unbeeinflusst. Zumindest im Grenzgebiet nördlich des Hadrianswall, trieben die Einwohner auch Handel mit den Römern.

Um die Zeit von 410 nach Christus ließ das weströmische Reich seine Provinzen auf der Insel im Stich. Das soll nicht heißen, dass nun keine Truppen mehr im Lande waren, vermutlich blieben die Grenzwachen zum Beispiel vor Ort. Doch das Fehlen der römischen Autorität machte sich insgesamt bemerkbar und über die Jahre setzte ein Niedergang der römischen Lebensweise ein und damit leider auch der der Geschichtsschreibung.

Andere Kräfte nahmen nun das Heft in die Hand, zum Beispiel die Angeln und Sachsen, die aus Germanien über das Meer gekommen waren. Und es war in dieser Zeit, dass auch das Piktenreich begann sich als zusammenhängendes Gebilde herauszuschälen.

Das Reich der Pikten

Karte Pictavia
Die ungefähre Aufteilung der Reiche

Pictavia, so hieß das Land der Pikten, befand sich in einem stetigen Wandel. Je nach Erfolg oder Misserfolg eines Kriegszugs konnte es größer oder kleiner sein; das Kerngebiet allerdings blieb ungefähr gleich. Es erstreckte sich von der Linie zwischen Glasgow und Edinburgh und dem Great Glen. Zeitweise aber reichte der Einfluss der Pikten viel weiter. Zum Beispiel waren zeitweise auch die Orkneys von ihnen kontrolliert worden oder die Isle of Skye. Allerdings dürften Gebiete wie der Norden Schottlands auch nur wenige Bewohner gehabt haben.

Pictavia kann man nur im Zusammenhang mit den umliegenden Reichen betrachten. Da war zunächst Dalriada, das Reich an der Westküste, das von den Skoten gehalten wurde. Mit Dalriada hatten die Pikten des öfteren zu tun … ebenso wie mit Northumbria, einem Reich, das von Angel und Sachsen bevölkert war, die aus Germanien auf die Insel ausgewandert waren. Es lag im Südosten. Im Südwesten dagegen grenzte Pictavia an Strathclyde und bis in siebte Jahrhundert gab es da noch Gododdin, das aber bald von den Angeln eingenommen wurde.

Letztlich waren die zwei wichtigen Gegner für die Pikten: Dalriada und Northumbria.

Das tägliche Leben in Pictavia

Die meisten Pikten verbrachten ihr Dasein als einfache Bauern. Sie waren vermutlich tribut- und wehrdienstpflichtig, aber im Grunde frei. Diese Bauern werden hauptsächlich in den fruchtbaren Gebieten oberhalb von Inverness und Edinburgh gesiedelt haben.

Städte mit Märkten oder gar eine geprägte Währung hatten die Pikten nicht. Die Bevölkerungszahl wird auf rund 100.000 geschätzt.

Über den Bauern herrschte eine Klasse von Adligen mit einem Hofstaat aus Dienern und Kriegern. Diese Krieger bildeten sogenannte “Warbands” – Kriegshaufen aus rund hundert Mann, die flexibel und schnell waren, weil sie vermutlich zu Pferd unterwegs waren. Kam es zu Schlachten, wurde der Kern der Armee aus diesen Berufssoldaten gebildet, während die Infanterie von der Bauernschaft gestellt wurde. Bevorzugte Waffen waren Schwerter, Lanzen und Speere, Rüstungen wurden bisher nicht gefunden. Man geht eher davon aus, dass sich Krieger mit Waffenröcken geschützt hatten – und natürlich Rundschilden. Helme trugen die Pikten anscheinend kaum.

Die große Schlacht der Pikten

Wie gesagt gab es da zwei Reiche, mit denen es die Pikten ständig zu tun hatten: Dalriada und Northumbria. Während man Dalriada noch ganz gut in Schach halten konnte, hatte sich Northumbria zumindest Mitte des 7. Jahrhunderts nach Christus eine Vormachtstellung auf der gesamten britischen Insel aufgebaut. Im Jahre 670 etwa mussten die Pikten eine blutige Niederlage hinnehmen und waren anschließend tributpflichtig gegenüber den Angelsachsen.

Hätte dieser Zustand angehalten, hätte sich später vermutlich nie ein unabhängiges Schottland etabliert. Dass es andere kam, ist Brude (Bridei) III. zu verdanken, einem piktischen Herrscher. Er ergriff 680 die Macht und führte zunächst siegreiche Feldzüge gegen Dalriada und die Orkneys. Danach wandte er sich Northumbria zu und forderte dessen König Ecgfriht heraus. Am 20. Mai kam es zum Aufeinandertreffen beider Seiten bei Nechtansmere, das man beim heutigen Forfar vermutet. Forfar liegt rund 20 Kilometer oberhalb von Dundee.

Ecgfrith kam mit einer Armee von tausend Mann, was damals eine beachtliche Truppenstärke war, die Pikten waren sicherlich zahlenmäßig unterlegen. Doch sie wandten eine List an. Die Flucht vortäuschend lockten sie die Gegner in einen Hinterhalt. Ecgfrith kam um, die Angelsachsen wurden vernichtend geschlagen und Northumbria verlor danach gewaltig an Bedeutung auf der Insel. Sein Einfluss auf Dalriada schwand im Zuge dessen ebenfalls und das schrieb auch fest, dass sich der Norden Großbritanniens weitgehend unabhängig vom Süden weiterentwickelte.

Insgesamt waren die Pikten an entscheidender Stelle meist siegreich. Ihren Höhepunkt hatten sie unter dem König Angus. Er überrannte 736 Dalriadas Festung Dunadd und machte sie dem Erdboden gleich. So zwang er das Skotenreich endgültig unter piktisches Joch. Zwanzig Jahre später half ihm das Schicksal, als Northumbria durch die Briten aus Stratchclyde vernichtend geschlagen wurden. Alle großen Gegner Pictavias lagen somit am Boden.

Bis eine neue Macht am Horizont erschien …

Kult und Kirche der Pikten

Iona Eingang
Iona Eingang

Über die heidnischen Kulte der Pikten weiß man praktisch nichts. Doch waren die Pikten schon recht früh mit dem Christentum in Berührung gekommen. Ende des 5. Jahrhunderts sollen demnach schon die südlichen Bereiche Pictavias größtenteils christlich gewesen sein.

Zunächst orientierten sich die Pikten stark am Kloster von Iona, dessen Mönche auch häufig nach Pictavia reisten. So gibt es bereits Begegnungen zwischen dem Heiligen Columba, der Iona gegründet hatte, und dem damaligen König der Pikten. Sie stellten lange die Oberschicht der Geistlichen, doch es gab auch eine Art Reformation, in der sich der König der Pikten der römisch katholischen Kirche zuwandte.

Die Christianisierung ist auch deutlich in der Kunst der Pikten zu erkennen. Die Stelen etwa sind meist mit einem Kreuz auf einer Seite versehen. Dazu kommt eben noch die Ausgrabung des frühmittelalterlichen Klosters von Portmahomack im Nod-Osten Schottlands – mitten im piktischen Kerngebiet. In diesem Kloster identifizierte man eine Gebäude als Pergamentfabrik. Wozu sonst als zum Schreiben hätte man die gebrauchen können? Und Mönche schrieben nun einmal recht viel. Hier also scheint der Mythos vom Volk ohne Schriften endgültig widerlegt zu sein. Es wurden nur schlicht nie welche gefunden.

Gab es ein Ende der Pikten?

Etwa 800 nach Christus trat eine andere Macht auf den Plan: Die Wikinger. Es begann mit kleinen Raubzügen, die die Klöster im Visier hatten. Doch bald nahmen die Nordmänner auch Land in Besitz – zum Beispiel Caithness und Sutherland, die Orkneys und die Hebriden. So kam es schließlich zu einer Schlacht in Schottland im Jahre 839, die verheerend für die Pikten endete. Eine ganze Herrscherlinie wurde dabei ausgelöscht, nämlich die von Angus, der ja gut ein Jahrhundert vorher Pictavia zu seiner Größer geführt hatte. Das Reich war entscheiden geschwächt.

Ein neuer Herrscher trat auf den Plan, dessen Name für den schottischen Gründungsmythos steht: Kenneth MacAlpin. Angeblich (!) ein Skote, also aus Dalriada. Und das diente stets als Beleg dafür, dass Dalriada am Ende kulturell das Piktenreich übernahm. Doch diese kulturelle Übernahme scheint eher daher zu kommen, dass man sich wieder verstärkt der Kirche von Iona zuwandte, weg von der römisch katholischen. In Iona wurde die Gälisch als Sprache bevorzugt. Zudem gab es einen Flüchtlingsstrom von der Westküste ins vergleichsweise sichere Innenland. Auch dabei wird die gälische Sprache mitgewandert sein.

Um 900 nach Christus verschwand jedenfalls das Wort “Pikten” aus den wenigen Chroniken der damaligen Zeit. Der gälische Begriff “Alba” kam in Gebrauch, der auch heute noch für Schottland verwendet wird. Doch das heißt nicht, dass die Pikten damit untergegangen wären. Einige Historiker vertreten die Ansicht, dass sich lediglich der Name veränderte, weil statt Latein nun mehr Gälisch geschrieben wurde und Alba einfach der gälische Begriff für die Pikten war.

Ganz krass gesagt: Es hatte sich nichts geändert außer die Bezeichnung. Auch der Begriff “Schotten”, der nun von den Engländern (Angeln – also Northumbria) benutzt worden – sie alle haben schlicht das selbe Volk bezeichnet, dessen Sprache sich unter dem Einfluss der Gelehrten, also der Kirche, langsam ins Gälische gedreht habe.

Die Pikten, sie sind also nie verschwunden. Man kann sie heute noch sehen – in Schottland.

Quellen:

Die meisten Angaben stammen aus dem sehr fundierten und ausführlichen Buch von Jürgen Diethe, „Die Pikten: Geschichte und Mythos“. Das Buch gibt den Stand der Wissenschaft und eine mögliche, logische Interpretation der spärlichen Geschichtsschreibung und Fundstücke. Das Buch gibt es im Augenblick nur als Kindle-Version bei Amazon.

Eine interessante, wissenschaftliche Veröffentlichung über die Ausgrabungen bei Portmahomack gibt es von Martin Carver. Sie kann hier eingesehen werden.

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3 Antworten zu “Die Pikten – Schottlands geheimnisvolles Urvolk”

  1. Thomas Reglin

    Guten Tag, ein sehr interessaner Bericht über ein Volk, über das ich bisher noch nicht viel gehört habe.

    Schade finde ich jedoch die Formulierung des Vergleichs mit den Indianern, der quasi pauschal die indianischen Völker als bemalte Wilde beschreibt. Ist sicher nicht so gemeint, kommt aber zumindest bei mir so rüber. Es wäre meines Erachtens gegenüber den ebenfalls beeindruckenden Kulturen Amerikas ein Edit der Einleitung schön.
    Freundliche Grüße
    Thomas Reglin

    Antworten
    • Hallo Thomas Reglin,

      so habe ich es natürlich nicht gesehen. Und keinesfalls soll das die amerikanischen Ureinwohner verletzen. Mir ging es dabei eher darum, dass bei den Pikten wie bei den amerikanischen Urvölkern ein durch Dichtung verzerrtes und romantisiertes Bild gibt. Man denke nur an Karl Mays Winnetou.

      Ich habe es umformuliert, ich hoffe, es gefällt so besser.

      Viele Grüße
      Stephan

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  2. Dr. Stiobhan MacGregor

    Von den Römern wurden die Picten auch als Caledonier und Pictavia als Caledonien bezeichnet; nach Cassius Dio z. B. waren die Caledonier vor allem Viehzüchter und Jäger, welche gelegentlich
    auch lukrative Raubzüge zu den Nachbarn unternahmen. In die Schlacht zogen sie typischerweise mit wendigen und technisch raffiniert vollendeten Streitwagen sowie kleinen, schnellen und robusten Pferden, unterstützt von leicht gepanzerten und sehr beweglichen Infanteristen. Ihre hauptsächlichen Waffen waren zumeist runde Schilde mit einem Metallknauf, kurze Speere, wuchtige Lanzen mit massivem Blatt und lange, zweischneidige Hiebschwerter aus hervorragend verarbeitetem Stahl. Sie werden von den Römern einhellig als außerordentlich widerstandsfähig gegenüber Hunger und Kälte aber schnell anfällig gegenüber Durst (…im Sommer) und sommerlicher Wärme beschrieben. Nach Tacitus hatten sie, gleichgültig ob Mann oder Frau, weit überwiegend rotblondes Haar und waren sehr groß und muskulös. Als ethnischer Ursprung der Picten selbst werden, abgesehen von frappierend ähnlich strukturierten Tätowierungen und Tiersymboliken u. a. auch deshalb heute oftmals die Scythen aus den weiten Steppen Rußlands und der Ukraine, ein nomadisches Reitervolk, welches Viehzucht betrieb und wie die Picten dominiert von einer adeligen Kriegerkaste, erwogen. Doch ist das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen. Es bleibt also weiterhin spannend!

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