Strathclyde – Schottlands unbekanntes Königreich

Fünf Jahrhunderte lang überstand ein britisches Königreich am Fluss Clyde Niederlagen, Belagerungen und mächtige Nachbarn – und wird doch bis heute kaum erzählt. Sein Name: Strathclyde.

Steinerner Sarkophag eines Königs in der Govan Old Parish Church bei Glasgow
Der Sarkophag eines Königs in Govan

In der Govan Old Parish Church bei Glasgow stehen bis heute 31 kunstvoll verzierte Steinkreuze und Grabsteine, teils über tausend Jahre alt. Sogar ein Sarkophag für einen König ist darunter. Eine derartige Ansammlung an einem einzigen Ort ist einzigartig – und Gelehrte wie Tim Clarkson sehen darin den Hinweis auf ein einstiges Machtzentrum. Tatsächlich gab es hier ein Königreich, das vom romantischen Schottland-Bild kaum beachtet wird: Strathclyde. Es verlor viele Schlachten – und überdauerte trotzdem 500 Jahre. Es sah andere Reiche verfallen und das neue Schottland aufsteigen.

Die Damnonii und die Römer

Nördlich von Glasgow verlief einst der Antoninuswall: eine Grenze aus Erdrampen und Palisaden, die Kaiser Antoninus Pius Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christus errichten ließ. Im Westen begann er am Firth of Clyde, im Osten endete er am Firth of Forth – rund 60 Kilometer zwischen den Standorten des heutigen Glasgow und Edinburgh. Mit ihm erweiterte Rom sein Reich um 160 Kilometer nach Norden, über den Hadrianswall hinaus.

Zwischen diesen beiden Grenzwällen, rund um den Fluss Clyde, lebten die Damnonii: britische Kelten, die sich mit den Römern arrangierten, während die nördlicher siedelnden Kaledonier als schwierig galten. Der antike Geograph Ptolemäus berichtete, die Damnonii hätten einen Hauptort namens Alauna gehabt – übersetzt „der felsige Ort“.

Nach nur 40 Jahren zogen sich die Römer wieder hinter den Hadrianswall zurück, doch die Damnonii blieben ihren ehemaligen Besatzern zugeneigt. Im 4. Jahrhundert verließen die römischen Soldaten Britannien schließlich ganz. Das öffnete die Tür für eine neue Volksgruppe.

Sachsen und Angeln kommen

Aus dem heutigen Friesland, Norddeutschland und Dänemark kamen nun Einwanderer – teils ursprünglich als Schutztruppen angeheuert. Angeln und Jüten stammten aus dem heutigen Dänemark, Friesen und Sachsen aus Norddeutschland. Ihre Namen finden sich bis heute: Wessex, die Westsachsen; Essex, die Ostsachsen; Sussex, die Südsachsen. England selbst bedeutet „Angelland“. Mit diesen neuen Nachbarn mussten sich die Briten arrangieren – auch die Damnonii.

Die Cumbri und ihre Sprache

Rund um den Clyde, besonders an seinem Ausläufer, hatte sich derweil ein neues Volk herausgebildet, das sich selbst „Cumbri“ nannte – „Landsleute“. Die heutigen Waliser nennen sich noch immer „Kumm-rie“, geschrieben Cymry. Die Sprache der Cumbri war Kumbrisch, eine keltische Sprache nahe dem alten Walisisch; gemeinsam mit Walisisch, Kornisch und Bretonisch bildete sie eine Sprachfamilie. Es waren die britischen Kelten, die geblieben waren. Strathclyde war also ein britisches Königreich – mitten im heutigen Schottland.

Um die Cumbri herum bildeten sich weitere Reiche: im Nordwesten die gälischsprachigen Skoten von Dalriada, im Osten und Süden verschiedene Reiche der Sachsen, und als Nachbarn auch die Pikten, deren Sprache ebenfalls aus dem britischen Keltisch stammte.

Alt Clut – der Fels am Clyde

Je nach Epoche trug das Reich der Cumbri unterschiedliche Namen. Zu Beginn sprechen Wissenschaftler von Alt Clut: „Alt“ steht für Felsen, „Clut“ für den Clyde. Dieser Felsen heißt heute Dumbarton Rock und liegt rund 20 Kilometer westlich von Glasgow, im Flussdelta des Clyde. Möglicherweise beschreibt sogar Alauna, der „felsige Ort“ der Damnonii, denselben Ort – sicher ist das allerdings nicht.

Dumbarton Rock im Mündungsdelta des Flusses Clyde, einst Sitz der Könige von Alt Clut
Dumbarton Rock – der Felsen von Alt Clut

Sicher ist dagegen: Auf Alt Clut residierten die kumbrischen Könige. Einer der ersten, den man historisch wirklich greifen kann, ist Rhydderch Hael. Er lebte am Ende des sechsten Jahrhunderts, war Zeitgenosse des heiligen Columba von Iona und wird in verschiedenen Chroniken und Gedichten erwähnt. Man weiß, dass er gegen die Angeln kämpfte. Sein Schwert Dyrnwyn – „mit dem weißen Griff“ – zählt zu den dreizehn legendären Schätzen Britanniens: Es soll entflammt sein, wenn sein Träger würdig war.

Rhydderch spielte zudem eine Rolle bei einem für die Region entscheidenden Ereignis: Er ermöglichte es einem gewissen Kentigern, am Fluss Molendinar wieder zu predigen, nachdem dessen Vorgänger ihn vertrieben hatte. Kentigern wurde später als St Mungo bekannt, und seine kleine Gemeinde ist das heutige Glasgow – damals allerdings noch bedeutungslos. Reiste Rhydderch, stieg er vermutlich in einem Hof beim heutigen Partick ab, wo der Fluss Kelvin in den Clyde mündete und eine Furt den Übergang ermöglichte.

Alt Clut war eine Macht, mit der man rechnen musste. Es ging Koalitionen ein, gewann und verlor Schlachten. In den Chroniken zu einer dieser Auseinandersetzungen taucht erstmals ein Name auf, der später zentral werden sollte: Ovania – das heutige Govan.

Die Wikinger erobern Alt Clut

Über die Jahrhunderte hatten sich die Volksgruppen der Insel gerade wieder eingependelt, da kamen erneut fremde Eroberer: die Wikinger. Im Jahr 870 belagerten zwei nordische Herrscher aus Dublin die Festung von Alt Clut. Vier Monate hielten die Cumbri aus, dann musste die Besatzung aufgeben – das Wasser war ausgegangen. Die Nordmänner versklavten die Bevölkerung. Vom damaligen König weiß man nur, dass er zwei Jahre später starb, vermutlich als Gefangener. Alt Clut war am Ende.

Doch das Reich der Cumbri bestand fort. Überlebende der Dynastie verlegten das Zentrum tiefer ins Landesinnere, in das Tal des Clyde – in ihrer Sprache „Strat Clud“: Strathclyde. Der Sitz in Partick blieb bestehen, während Govan als neues Zentrum aufstieg. „Go ban“ bedeutet „kleiner Hügel“ und bezieht sich auf den künstlich aufgeschütteten Doomster Hill, auf dem der König Rat hielt und Zeremonien stattfanden – ein spirituelles Zentrum des Reichs, verbunden mit der nahen Kirche durch eine kurze Prozessionsstraße. Der Doomster Hill war noch bis ins 19. Jahrhundert zu sehen, bevor er mit dem Bau neuer Docks und Häuser verschwand.

Hogback-Grabstein mit nordischer Formensprache in der Govan Old Parish Church
Hogback Stone in Govan

Dass die nordischen Nachbarn durchaus Einfluss auf die Kunst der Cumbri hatten, zeigen die sogenannten Hogback Stones von Govan bis heute.

Die Ausdehnung des Reichs

Man spricht viel vom Clyde, doch die Ausdehnung Strathclydes war deutlich größer. Um das Jahr 900 reichte das Reich im Süden bis zum Fluss Eamont im heutigen Nordengland – auch Dumfries und Galloway gehörten damit zu Strathclyde. Zur Einordnung: Um 900 existierte Strathclyde noch, während sich Dalriada und die Pikten bereits zum Reich Alba vereinigt hatten, in dem sich die gälische Sprache durchsetzte. Die Sachsen wiederum standen unter dem Druck der Dänen und der Nordmänner aus Dublin. Doch am Ende waren es nicht die Wikinger, die Strathclyde zu Fall brachten.

Brunanburh und weitere Schlachten

Im Jahr 934 marschierte König Athelstan, Herrscher über Wessex und Mercia und einer der ersten Könige, die große Teile Englands einten, nach Norden. Sowohl Constantin von Alba als auch Owain von Strathclyde mussten seine Oberherrschaft anerkennen – sie blieben Könige, waren ihm aber untergeordnet. Nur drei Jahre später rebellierten beide und verbündeten sich mit dem nordischen Herrscher Anlaf aus Dublin. Gemeinsam zogen sie gegen Athelstan.

Im Jahr 937 kam es zur Schlacht von Brunanburh – wo genau, ist bis heute umstritten. Athelstan gewann, die Armeen von Strathclyde, Alba und Dublin erlitten eine schwere Niederlage. Brunanburh gilt heute als eine der bedeutendsten Schlachten der britischen Geschichte, denn Athelstans Sieg stabilisierte die angelsächsische Herrschaft über England. Für Strathclyde bedeutete es einen weiteren Rückschlag – aber nicht das Ende.

Acht Jahre später, im Jahr 945, griff Athelstans Nachfolger Edmund Cumbria an und verwüstete das Gebiet. Anschließend übergab er es Máel Coluim, dem König von Alba, blieb selbst aber Oberherr. Im Jahr 973 fand eines der berühmtesten Treffen mittelalterlicher Könige statt: Der englische König Edgar versammelte mehrere Herrscher in Chester. Spätere Chronisten machten daraus eine ausgeschmückte Geschichte, wonach Edgar in einem Boot das Steuer übernommen habe, während acht untergeordnete Könige ruderten – darunter möglicherweise der Herrscher von Strathclyde. Wie sehr die Szene später literarisch überhöht wurde, sei dahingestellt; sie zeigt aber, wie englische Chronisten die damaligen Machtverhältnisse verstanden.

Im Jahr 1000 griff der englische König Æthelred Strathclyde an und plünderte das Reich – warum genau, ist unbekannt; vielleicht hatte es sich mit nordischen Herrschern verbündet, vielleicht Alba unterstützt. Der Angriff dürfte die militärische Kraft Strathclydes deutlich geschwächt haben. Und wieder hätte das das Ende bedeuten können – doch auch danach blieb Strathclyde eigenständig.

Das Ende kommt mit einem Kometen

Etwa im Jahr 1018 trat Owain der Kahle erneut in Erscheinung: Gemeinsam mit Máel Coluim, dem König von Alba, kämpfte er gegen Northumbria. Die Heere trafen bei Carham aufeinander, Strathclyde und Alba gewannen – ein bedeutender Erfolg, der den Einfluss beider Reiche im Grenzgebiet stärkte. Manchmal wird die Schlacht auf das Jahr 1016 datiert, doch vieles spricht für 1018: Kurz zuvor soll am Himmel ein Komet erschienen sein, und ein solcher ist für das Jahr 1018 tatsächlich belegt.

Nach Carham wird es in den Chroniken still um Strathclyde – immer stiller. Das bedeutet nicht, dass das Reich sofort verschwand, doch die politischen Verhältnisse änderten sich. Im Südwesten breiteten sich die Gall Gaidheal aus, die „Fremd-Gälen“: Menschen, in deren Kultur sich nordische und gälische Traditionen verbanden, entstanden aus dem Kontakt zwischen Wikingern und Gälen. Sie sprachen Gälisch und besetzten zunehmend Land bis tief in das frühere Kerngebiet Strathclydes hinein – die Region Galloway trägt ihren Namen bis heute, später entstand dort ein eigenes Herrschaftsgebiet.

Gleichzeitig wuchs der Druck aus dem Osten: Im Jahr 1038 fiel der northumbrische Earl Eadwulf in Schottland ein. Strathclyde wird dabei zwar nicht ausdrücklich erwähnt, doch das Reich lag genau zwischen den Konfliktparteien und dürfte den Druck deutlich gespürt haben. Im Westen die Gall Gaidheal, im Norden Alba, im Osten und Süden Northumbria und England – Strathclyde wurde von allen Seiten eingeengt.

MacBeth und das Ende Strathclydes

Ja, genau – der Shakespeare-König. Der historische MacBethad hatte mit der Bühnenfigur allerdings nur begrenzt zu tun. Im Jahr 1054 griff Earl Siward von Northumbria im Auftrag Edwards des Bekenners Alba an, besiegte MacBethad und setzte einen Mann namens Máel Coluim ein. Eine Quelle bezeichnet ihn als Sohn eines Königs der Cumbrier – ein Hinweis darauf, dass die Herrscherfamilie Strathclydes zu diesem Zeitpunkt möglicherweise noch existierte, oder dass Northumbria das Reich bereits kontrollierte. Sicher weiß man es nicht.

Siward starb bereits 1055, MacBethad gewann offenbar die Kontrolle über Alba zurück, fiel jedoch 1058 in einer Schlacht. Sein Nachfolger war wieder ein Máel Coluim, Sohn von Duncan – der Name war in dieser Zeit offenbar sehr beliebt. Während seiner Herrschaft übernahmen ab 1066 die Normannen die Macht über England; auf den Norden hatte das zunächst keine großen direkten Auswirkungen, schwächte aber die Nachbarn.

Eine Randnotiz aus Malcolms Herrschaft lässt aufhorchen: Eine Chronik berichtet von einem Beutezug Malcolms nach Northumbria, für den er durch Cumbria zog – und fast beiläufig erfährt man, dass Malcolm das Königreich Strathclyde gewaltsam unterworfen hatte. So unspektakulär endet die Geschichte eines jahrhundertealten Reiches: kein großer Untergang, keine einzelne entscheidende Schlacht, nur eine beiläufige Bemerkung. Strathclyde war in Schottland aufgegangen.

Das Erbe der Cumbri

Das Gebiet südlich des Solway Firth fiel an die Earls von Northumbria; dort setzte sich – allerdings erst ab dem späten 12. Jahrhundert – der Name Cumberland durch. Das alte Reich wurde geteilt: Der nördliche Teil wurde schottisch, der südliche englisch. Galloway entwickelte sich zunächst eigenständig weiter; aus dem einst zusammenhängenden brittonischen Königreich entstanden mehrere Regionen.

Ganz verschwunden war die Vorstellung eines cumbrischen Reiches damit noch nicht. Um das Jahr 1120 machte König Alexander I. seinen Bruder David zum „Prinzen der Cumbrier“ beziehungsweise Herrscher des cumbrischen Königreichs – ein Gebiet, das einen großen Teil des alten Strathclyde umfasste, allerdings ohne Galloway und ohne die Landschaften südlich des Solway Firth. David stellte zudem das Bistum Glasgow wieder her und wurde später selbst König von Schottland. Ein echtes Wiederaufleben Strathclydes war das jedoch nicht, sondern eine neue Herrschaft innerhalb des schottischen Königreichs.

Auch die kumbrische Sprache war zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend verschwunden; an ihre Stelle traten Gälisch und später zunehmend Englisch beziehungsweise Scots. Einige Namen erinnern bis heute an das Reich der Cumbri: Cumberland, die Grafschaft im Nordwesten Englands, dort, wo einst der Süden Strathclydes lag. Und die Inselgruppe der Cumbraes im Firth of Clyde – übersetzt: die „cumbrischen Inseln“.

Wer heute in Glasgow ist, sollte einen Abstecher nach Govan machen und sich die alten Steine ansehen – oder nach Dumbarton fahren und die Burg auf dem Felsen bewundern. Denn zwischen den Steinen von Govan und den Mauern von Dumbarton verbirgt sich die Geschichte eines britonischen Königreichs im Herzen des heutigen Schottlands: eines Reiches, das oft verlor, aber erstaunlich lange überlebte.

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Mehr Informationen

Quelle:

T. J. Clarkson: „Strathclyde and the Anglo-Saxons in the Viking Age“, Birlinn.

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