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Broch of Gurness – ein Mehrgenerationen-Haus auf Orkney

Hier haben sie alle gelebt: Steinzeitmenschen, Pikten und Wikinger. Das und die Dorfanlage um den Turm herum machen das Broch of Gurness so einzigartig.

Broch of Gurness
Broch of Gurness

Zunächst scheint es unfassbar, dieses Feld aus Steinen, die mal geschichtet sind und mal aufrecht stehen. Das Gewirr aus Grau gibt dem Auge nahezu keinen Anhaltspunkt. Erst mit der Zeit und mit Hilfe der Informations-Tafeln scheinen sich langsam Strukturen aus dem Gewirr zu schälen: Hier der piktische Hof, dort das Broch, dazwischen Gänge, Häuser, Schutzmauern.

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Der gesamte Nordosten Schottlands mit seinen Inselgruppen Orkney und Shetland ist gespickt mit den runden Steintürmen aus der Eisenzeit, den sogenannten Brochs.

Doch dieses hier bei Gurness ist besonders. Denn meistens stehen die Brochs isoliert in der Landschaft, wie es zum Beispiel bei Dun Telve an der Westküste der Fall ist. Vor dem Turm von Gurness aber hat sich zusätzlich ein – für die damalige Zeit stattliches – kleines Dorf gebildet.

Durchgang ins Innere

Das kann man sich ungefähr so vorstellen: Die Achse der Siedlung war die „Hauptstraße“, die von Osten nach Westen verlief und am Broch endete. Links und rechts davon gingen die Eingänge zu den Steinhäusern ab, die bis zu 40 Familien Platz boten. Wie auch in Skara Brae sind all die Unterkünfte im wesentlichen gleich aufgebaut: Es gibt eine zentrale Feuerstelle, Steinregale, Betten und sogar eine Art Toilette.

Broch of Gurness andere Seite

Klingt nach einem idyllischen Familienleben. Allerdings war die Eisenzeit auch eine Epoche, in der man sich vor Überfällen schützen musste, und so sorgten die Einwohner auch für Wehranlagen gegen potenzielle Feinde: Das gesamte Dorf war umgeben von einer Anlage aus drei Erdwällen und Gräben. Die Außenwände der Häuser bildeten zudem eine Schutzmauer und die letzte Festung war das Broch, in das die Bewohner zur Not fliehen konnten.

Das Broch übernahm also schon damals eine Funktion, wie sie später Burgen innehatten: Rückzugspunkt im Falle einer Attacke, sonst aber Sitz einer wohlhabenden Familie.

Die Pikten kommen

Die Infotafel zeigt, wie es hier ausgesehen hat

Rund dreihundert Jahre lebte diese Gemeinde so zusammen. Doch mit der Zeit wurde die Schutzfunktion des Brochs unwichtiger. Die Gräben wurden zugeschüttet und das Dorf verlassen, das Broch verfiel und die Anlage wurde von Erde bedeckt. Dennoch wurde hier bald wieder gesiedelt.

Zur Zeit der Pikten gab es hier einen Hof, das sogenannte „Shamrock-House“. „Shamrock“ heißt „Kleeblatt“ und beschreibt die Bauform des Gebäudes, wenn man es von oben betrachtet. Der Hof wurde ursprünglich über dem alten Dorf errichtet, doch heute steht das Pikten-Haus vor der Siedlung – die Archäologen haben es nämlich kurzerhand versetzt

Eines der Häuser um das Broch

Als auch die Pikten den Ort verließen, kamen schließlich noch die Wikinger Allerdings siedelten sie hier nicht, sondern nutzten den Hügel als Begräbnisstätte für eine Frau, die mit wertvollen Broschen beigesetzt wurde.

Wissen: Fund im Hügel

Wer es gerne mit genaueren Jahreszahlen haben möchte: Broch und Dorf wurden etwa von 200 vor bis 100 nach Christus bewohnt und dann verlassen. Erst zwischen 500 und 800 nach Christus lebten dann die Pikten hier und um 900 herum wurde die Wikingerfrau begraben.

Im Broch

Danach bedeckte bald Erde alle Gebilde und ein großer Hügel entstand an dieser Stelle, der als „Knowe o‘ Aikerness“ bekannt war.

1930 bestieg ein ansässiger Künstler namens Robert Randell diesen Hügel, setzte sich auf einen Stuhl und begann zu zeichnen. Plötzlich versank eines der Stuhlbeine im Erdboden. Der Zeichner sah sich das entstandene Loch genauer an und entdeckte so erste Teile der Gebäude.

Den Rest erledigten die Archäologen in aller Vorsicht und so kann heute nicht nur der gesamte Komplex bestaunt werden, sondern im kleinen Museumshaus auch viele Fundstücke.

Persönliche Anmerkung: Verwirrend

Wir sind im Mai recht spät dort angekommen und waren alleine, während bereits die Sonne zu sinken begann. So konnten wir in aller Ruhe zwischen den Steinen hindurch schlendern und erkunden. Es war für mich allerdings wirklich schwer im Stein-Dschungel Strukturen zu entdecken. Die Infotafeln helfen dabei der Fantasie auf die Sprünge.

Tipp: Blick auf die Inseln

Blick auf Rousay

Neben der eigentlichen beeindruckenden Bauten auf dem Platz, lohnt es sich durchaus den Blick einmal in die Ferne schweifen zu lassen. Gegenüber liegt zum Beispiel die Insel Rousay, in der Ferne, hinter dem kleinen Museum das kleine Eiland Eynhallow. Zudem ist unterhalb des Parkplatzes ein kleiner Steinstrand.

Anfahrt:

Mit Navigationssystem: „KW17 2NH“ bringt einen ganz in die Nähe des Broch of Gurness. Dann auf die Schilder achten.

Ohne Navi: Von Kirkwall aus die A965 nach Stromness nehmen. In Finstown dann rechts zum „Tingwall Jetty“ auf die A966 abbiegen. Weiterfahren bis nach Evrie, wo rechts ein Spielplatz und eine Schule erschienen. Dort auf das braune Hinweisschild achten, das nach rechts zum Broch of Gurness verweist. Rechts abbiegen und bis zum Parkplatz am Ende der Straße fahren.

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