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Scolpaig Tower – das Blendwerk des blonden Doktors

Mitten im Nichts steht ein Turm ohne Sinn. Dennoch hat der Scolpaig Tower auf North Uist eine interessante Geschichte, denn sein Erbauer verfolgte ein Ziel damit.

Scolpaig Tower auf North Uist
Scolpaig Tower auf North Uist

Würde man in einem englischen Schlossgarten auf den Scolpaig Tower treffen, man wäre wenig verwundert. Zierbauten wie diese waren im georgianischen Zeitalter durchaus normal. Doch hier, auf North Uist, ist weit und breit kein Garten zu sehen. Scolpaig Tower steht auf einer Insel in einem Tümpel mitten im Nichts.

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Und dennoch war der Turm nicht sinnlos und sein Erbauer war eine beliebter und berühmter Mann – auch wegen des Turm. Alexander MacLeod hieß er, sein gälischer Spitzname lautete „an Dotair Bàn“ – „der blonde Doktor“ – passend zu seinem hellen Haupthaar.

Doktor MacLeod wurde in Cille Phaedair auf North Uist geboren – das liegt etwa einen Kilometer südwestlich des Scolpaig Tower. MacLeod wuchs auf und lebte in harten Zeiten während der Highland Clearances (zirka 1780 bis 1880). Doch er selbst stand auf der guten Seite des Lebens, wurde Doktor der Medizin und bekam später Anstellungen als Finanzverwalter verschiedener Güter. Zunächst auf South Uist, dann auf North Uist und auch auf bei den MacDonalds auf der Isle of Skye.

Während der Highland-Clearances gab es eigentlich nur Gutsbetreiber, die die Bauern ausbeuteten oder die Bauern, die am Existenzminimum lebten – und manchmal auch darunter. An Dotair Bàn wirtschaftete dagegen mit Maß und mit Blick in die Zukunft. Heute würde man es wohl „nachhaltig“ nennen – er unterstützte die Bauern. Damals war dieses Vorgehen eher ungewöhnlich.

Alexander MacLeod war ein Multitalent. Auf seine Veranlassung wurde zum Beispiel der Teampall na Trianaid teilweise restauriert. Er kümmerte sich auch um den Straßenbau, ließ Strandhafer anpflanzen, um Küstenabschnitte fruchtbar zu machen und zog Kanäle durch das Land, um Moorgebiete trocken zu legen. Der berühmte Volkskundler Carmichael schrieb über ihn: “Instead of draining the estates of their money, like others, Dr Macleod endeavoured to drain them of their water” – “Statt den Gütern das Geld abfließen zu lassen, wie es manch andere taten, war MacLeod bestrebt ihnen das Wasser abzulassen”. Loch Scolpaig, wo heute der Turm steht, war so ein Projekt. MacLeod ließ hier Teile des Sees trockenlegen, um das Land darunter zu gewinnen.

Scolpaig Tower nah

Doch das erklärt immer noch nicht den Turm.

Wie gesagt, es waren harte Zeiten für die Bauern damals. Im Prinzip war das Anbauen von Kartoffeln und Getreide nur ein Teil ihrer Arbeit. Um ihre Pacht zu bezahlen, mussten sie noch weitere Arbeiten annehmen wie Kelp (Seegras) sammeln, um es für die Seifen- und Glasproduktion aufzubereiten. Doch 1820 verfiel der Preis für Kelp und so fehlte vielen Bauern schlagartig der Nebenverdienst. Als dann auch noch einige Missernten zwischen 1820 und 1830 auftraten, herrschte Hunger unter dem Volk.

Und hier endlich kommt der Scolpaig Tower ins Spiel. Denn an Dotair Bàn ließ ihn errichten, damit die Bauern eine bezahlte Arbeit hätten – ob sie nun sinnvoll sei oder nicht. Der einsame Turm auf North Uist beweist, dass Alexander MacLeod nicht nur Köpfchen hatte, sondern ein großes Herz.

Irgendwann nahm der Doktor das Angebot an, auf der Isle of Skye zu wirken und sich auch um die Menschen von Knoydart auf dem Festland mitzukümmern. Am 12. April 1854 brach er dort zu einem Hausbesuch in das Hinterland auf. Auf dem Rückweg überraschte ihn die Dunkelheit, er kam vom Weg ab und stürzte einen Abhang 20 Meter in die Tiefe. So starb Alexander MacLeod, „an Dotair Bàn“ im Alter von 66 Jahren.

Der Kilmuir Friedhof auf North UIst

Sein Leichnam wurde in der Nähe seines Geburtsortes auf North Uist auf dem Friedhof von Kilmuir begraben, der ganz in der Nähe des Vogelschutzgebiets von Balranald liegt.

Der Scolpaig Tower erinnert heute daran, dass sein Erbauer nicht nur etwas im Kopf hatte, sondern auch ein großes Herz besaß.

Wissen: Scolpaig Tower und das Dun

Scolpaig Tower hat noch einen Spitznamen: MacLeods Folly. Folly bedeutet normalerweise Unsinn oder Verrücktheit, in der Architektur bezeichnet es aber auch einen Zier- oder Prachtbau.

Der Turm steht wie gesagt mitten im Nichts, aber da steht er schön. Denn am Horizont erstreckt sich die felsige Inselkette Haskeir. Zusammen mit der Insel im See, dem Meer und der grünen Landschaft ergibt sich so eines der beliebtesten Fotomotive auf den Äußeren Hebriden.

Das achteckige Mauerwerk wurde im geprogianischen Stil erbaut, also mit strenger Symmetrie, typischen Bögen über Fenster und Türen und umgeben von Wasser. Er ist reines Blendwerk, im Inneren des Turms befindet sich nichts.

Der Aussichtsturm auf „the Lump“

Hinüber zu der kleinen Insel im Loch Scolpaig gelangt man nur, wenn ein niedriger Wasserstand den Steinpfad dorthin freigibt. Diese Steine und auch der Steinring um den Turm gehören vermutlich zu einem früheren Bauwerk. Ein Dun, also eine Festung aus der Eisenzeit, soll hier gestanden haben. Dessen Material wurde 1830 „zweitverwertet“.

Der Scoplaig Tower hat übrigens noch einen großen Bruder. Denn An Dotair Bàn ließ während seiner Zeit auf der Isle of Skye auch in Portree einen sehr ähnlichen Turm errichten, den Apothecary Tower in Portree, der dort als Aussichtsturm auf dem Hügel „the Lump“ steht.

Tipp: Fotos vom Scolpaig Tower

Wenn man von der Hauptstraße kommt, kann man in die Seitenstraße zum Turm einbiegen und dort ein wenig seitlich parken. Von hier aus nämlich hat man einen guten Blick über das Land, der Platz ist leicht erhöht. Wenn man dann an den Straßen etwas entlangwandert, findet man auch den besten Blickwinkel. Dabei auf die Oberleitungen achten.

Persönliche Anmerkung: Ein kurzer Stopp an der Straße

So schön die Geschichte um den Erbauer ist, für den Turm haben wir uns nur wenig Zeit genommen. Das geschlossene Tor und der Zaun haben uns abgeschreckt, das Wetter sprach nicht für eine Wanderung und hinüber hätten wir nicht gekonnt. Der Blick von der Straße hat uns in dem Fall genügt.

Anfahrt:

Mit Navigationsgerät:HS6 5DH“ eingeben, bringt einen nach Scolpaig. Allerdings braucht man nicht bis ganz hinunter fahren, es reicht, wenn man nach dem Einbiegen in den Feldweg parkt und Fotos schießt.

Ohne Navi: Im Prinzip fährt man die A865 auf North Uist solange, bis der Turm auf der Meeresseite der Insel in Sicht kommt. Dann fährt man in den Feldweg und parkt.

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