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Auswanderung der Schotten – wo sind all die Highlander hin?

Durch die Vereinigung zwischen England und Schottland in 1707 erlangten die Schotten Zugang zu einem Weltreich mit Kolonien. Eine Welle der Auswanderung folgte. Doch warum verließen so viele Schotten ihre Heimat?

Das Schiff Hector in Pictou
Das Schiff Hector in Pictou

Ein Begriff fällt in diesem Zusammenhang stets: die Highland Clearances. Das Bild dazu: Gierige Landbesitzer vertreiben die arme Bevölkerung im Nordwesten des Landes um sie durch Schafe zu ersetzen.

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Doch wie so oft ist die Wahrheit komplexer.

Wann fand die Auswanderung statt?

Es begann ab dem 17. Jahrhundert und endete Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Spitze der Auswanderung lag um etwa 1850. Sie ebbte ab, als ab 1920 die Weltwirtschaftskrise einsetzte, die dann in den neuen Ländern keine Perspektive mehr aufzeigte.

Warum gab es Auswanderung aus Schottland?

Der Strukturwandel in Schottland ab dem 17. Jahrhundert brachte die Auswanderung mit sich. Da gehörte durchaus Positives dazu. Schulen und Universitäten zum Beispiel, die im Süden Schottlands eine gebildete Mittelschicht begünstigte. Die Schulabgänger fanden aber in der heimischen schwachen Wirtschaft keine Perspektive. Sie wanderten aus und suchten ihr Glück als Missionare in Afrika oder als Händler in Fernost.

Ab zirka 1730 verließen viele Highlander ihre Heimat, angeworben von Agenturen, um Arbeiter und Siedler für die neue Welt zu liefern. Es war also nicht unbedingt nur Vertreibung am Werk. Ab 1815 schlossen sich Lowland-Bewohner dem Strom über den großen Teich an.

Viele der Emigranten versprachen sich Freiheit und eine besseres Leben. Sie bezahlten meist selbst für die Boots-Überfahrten nach Nordamerika, Australien oder Neuseeland. Die heimischen Großgrundbesitzer waren davon zunächst gar nicht erfreut, schließlich gingen damit auch ihre Arbeitskräfte und Pächter.

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Die Lone Shieling auf Cape Breton erinnert an Auswanderer von der Isle of Skye
Die Lone Shieling auf Cape Breton erinnert an Auswanderer von der Isle of Skye

Später änderte sich die Haltung vieler Landeigner. Denn 1846 schlug die Kartoffelfäule in Schottland zu, die schon ein Jahr zuvor in Irland für verheerende Zustände gesorgt hatte. Nun mussten die Landlords den Hunger auf ihren Ländereien bekämpfen. Hohe Kosten, die über Jahre gezahlt wurden. Da erschien es einigen sinnvoller, das Problem mit einer einmaligen Zahlung für eine Passage ihrer Landpächter oder Arbeiter über den Atlantik oder gar den Pazifik zu lösen. Dort konnten sich die Menschen selbst versorgen. Beide hatten theoretisch gewonnen.

Dafür wurde sogar die Highland and Island Emigration Society gegründet, die die Auswanderung nach Australien förderte, wo Schafhirten dringend gebraucht wurden.

Wurde die Auswanderung mit Gewalt erzwungen?

Erst um 1840 sahen die Grundbesitzer in der Auswanderung ein Mittel, überschüssige Landbevölkerung loszuwerden. Teils unterstützten sie das mit Zahlung der Passage. Keineswegs waren die Landlords immer grausam, die Auswanderung beruhte häufig auf gegenseitigem Einverständnis. Zumal oft schon ein Teil der Familie in den neuen Ländern jenseits der Meere lebten.

Nur wenige Fälle waren verknüpft mit einer gewaltsamen Verfrachtung auf Schiffe. Meist dann, wenn Landpächter bereits zugestimmt hatten, das Land auf dem Schiff zu verlassen und dann – am Tag der Abreise – nicht mehr wollten.

Doch gab es freilich den Druck, dass Landbesitzer ihre Pächter vertrieben und diese schlicht keinen anderen Ausweg sahen, als zu migrieren.

So oder so: Die Heimat verlassen oder verlassen zu müssen, war für die Schotten nicht einfach.

Wie verlief eine Überfahrt ins neue Land?

Als beispielhafte Geschichte für eine – gefährliche – Überfahrt steht die Reise der Hector. Gerade weil dabei so viel schief lief, wissen wir heute viel darüber.

Die Hector war ein niederländisches Frachtschiff, das John Pagan gehörte. Es hat vermutlich bereits über 50 Jahre auf dem Buckel, das Holz war morsch. Pagan kaufte mit seinem Partner Dr. John Witherspoon ein Stück Land im Osten Kanadas, dem heutigen Nova Scotia. Dem Land fehlten die Siedler, also wurden aus den Highlands Emigranten angelockt. Das Versprechen: freie Überfahrt, Verpflegung an Bord und darüber hinaus auch noch für ein Jahr im neuen Land.

Im Jahr 1773 bestiegen 189 Highlander im Loch Broom die Hector, die Köpfe und Herzen voller Träume von einem besseren Leben an fremden Küsten. Träume, die rasch platzten und durch eine harsche Realität ersetzt wurden.

Denn die Umstände an Bord waren menschenunwürdig. Geschlafen wurde in Schichten: eine Hälfte der Passagiere blieb oben an Deck, die andere lag unten in den Kojen. Die Schlafplätze waren nur etwa einen halben Meter hoch. Menschen in Stapeln, Hygiene als Fremdwort. Eine Brutstätte für Krankheiten. 18 Siedler starben während der Überfahrt an Windpocken.

Unter Deck der Hector
Unter Deck der Hector

Immerhin gab es zu Essen. Doch einige der Passagiere waren damit nicht zufrieden. Ihnen war der Zwieback zu trocken, sie warfen ihn weg. Immerhin sammelte ein schlauer Highlander das Gebäck wieder ein. Wusste er was passieren würde?

Elf Wochen sollte die Fahrt dauern. Doch bei Neufundland – also fast schon am Ziel – warf ein Sturm das Schiff um 14 Tage zurück. Die Rationen waren dafür nicht kalkuliert. Hunger war die Folge. Schließlich retteten die weggeworfenen Zwiebacks Leben.

Als die Schotten schließlich nahe dem heutigen Pictou von Bord gingen, traf sie fast der Schlag. Das gelobte Land war Wald. Nichts war hier vorbereitet. Und Baumfällen – damit kannten sich die Bauern nur wenig aus – in der Heimat gab es ja kaum Bäume. Der versprochene Proviant von einem Jahr war auch nicht vor Ort.

Dennoch haben es die Siedler irgendwann geschafft. Sie haben sich ein Leben in „Neuschottland“ in Nova Scotia aufgebaut. Die Hector gilt heute als das Symbol schottischer Einwanderer nach Kanada und liegt als Replik im Hafen von Pictou. In den nächsten Jahrzehnten sollten so viele Highlander folgen, dass auf Cape Breton und in der Gegend um Pictou Geige, Dudelsack und Gälisch weit verbreitet sind.

Verbreitung der Highlander in Nova Scotia um 1840
Verbreitung der Highlander in Nova Scotia um 1840

Übrigens: So eine Geschichte liefert ein hervorragende Vorlage für Romane. In „Piper“ beschreibt Autorin Jacqueline Halsey die Überfahrt der Hector aus den Augen eines 12-jährigen Passagiers.

Was fanden die Schotten in der neuen Welt?

Viele Siedler fanden das, was sie gesucht hatten: fruchtbares Ackerland und neue Möglichkeiten. Sie waren beteiligt am Aufbau der neuen Welt, doch damit auch an der Zerstörung der bis dahin dort ansässigen Kulturen.

In den letzten Jahren arbeiten die Schotten durchaus auch kritisch ihre Beteiligung am Sklavenhandel auf. Auch das gehört zur Expansion der Schotten über die ganze Welt.

Heute scheint Schottland fast überall – jedenfalls den Namen nach. Das kanadische Calgary bezieht seinen Namen von einer Bucht auf der Isle of Mull. Inverness liegt dann auch noch einmal auf Cape Breton. Aberdeen gibt es auch in Australien. In Neuseeland siedelten im Süden viele Gälen. Die Stadt Dunedin im Südosten bezieht ihren Namen vom gälischen Wort für Edinburgh: Dùn Èideann.

Grab eines MacLeod in Kanada
Grab eines MacLeod in Kanada

Wie endete die Auswanderung?

Um 1930 nach über 200 Jahren ebbte die Auswanderung ab. Zum einen wurden Crofter nun endlich geschützt und die Großgrundbesitzer wurden in Schranken gewiesen. Zum anderen setzte die Weltwirtschaftskrise ein, die sogar einige Auswanderer wieder nach Schottland zurückgehen ließ.

Doch die Länder, in die die Highlander ausgewandert waren, waren nun auch keine Kolonien der Krone mehr. USA, Kanada, Australien, Neuseeland … sie alle machten sich unabhängig.

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Doch das schmälerte den Zusammenhalt der Schotten nicht. Heute gibt es Highland-Games auf der ganzen Welt und viele Exilschotten pilgern bei Clangatherings zu den Wurzeln ihrer Familien zurück. Und in Nova Scotia finden jährlich die Celtic Colours statt, die gälische Musik feiert mit lokalen Musikern und schottischen Gästen.

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