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Das Leben in einem schottischen Clan

Clann ist das gälische Wort für Kinder. Und so sahen sich die Mitglieder eines Clans auch: als die Nachfahren eines gemeinsamen Ahnherren. Doch das alleine machte einen schottischen Clan noch nicht aus. Er hatte eine ganz eigene Lebensart.

Clansman MacDonald of Glencoe
von English: Robert Ronald McIan (1803-1856). [Public domain], via Wikimedia Commons

Ein Clan war eine komplexe Struktur, in der die Mitglieder verschiedene Rollen einnahmen. Und das mit einem hohen gemeinschaftlichen und gegenseitig verantwortlichen Sinne – etwas, das zur selben Zeit im Rest Großbritanniens und Europas unüblich war. Dieses System basierte teilweise noch auf den alten gälischen Strukturen Dalriadas, andererseits hatte sich der Clan auch mit feudalen Elementen zu einem eigenen System entwickelt, die sich während der Geschichte der Clans eingeschlichen hatten. Doch wie waren nun die Rollen in einem Clan verteilt und welche Aufgaben fielen ihnen zu?

Ceann cinnidh: Der Clanchief

Ganz oben war der Ceann cinnidh angesiedelt, grob spricht sich das „Kjaun Kinnje“ und bedeutet „Kopf der Verwandtschaft“. Im Englischen heißt er dagegen simpel „Chief“, also „Häuptling“.

Tioram Castle
Tioram Castle, Stammsitz des Clanranald

Seine Aufgabe war es, für den Schutz des gesamten Clans zu sorgen, Politik in deren Namen zu betreiben und eine gewisse Kultur sicherzustellen. Er war zudem das Aushängeschild eines Clans. War er ein guter Heerführer, sah gut aus, war gewandt und hatte am Ende noch eine schöne Frau, strahlte dieser Glanz auf die ganze Sippe aus. Die Beziehung zwischen dem Häuptling und seiner Gefolgschaft war keineswegs die, wie sie in einem feudalistischen System herrschte, in dem der Untertan bedingungslos zu gehorchen hatte. Der Chief als Heerführer musste sich darauf verlassen können, dass seine „Kinder“ im Krieg auch für ihn in den Tod gehen würden. Außerdem war es die Ansicht im Clan, dass der Chief das Land nur im Namen des Clans verwaltete und schützte. Wenn er das nicht gut tat, konnte ihn sogar ein neuer Anführer ersetzen. Das kam zwar selten vor, es gibt aber einige berühmte Beispiel dafür, in denen die Clansmitglieder dieses Privileg wahrnamen.

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Also hielt der Ceann cinnidh seine Gefolgschaft durchaus bei Laune und pflegte einen freundschaftlichen Umgang mit ihnen. Außenstehenden Engländern etwa fiel mit Entsetzen bei Besuchen auf, dass der Chief sogar den „dreckigsten Bauern“ die Hände schüttelte – undenkbar in den Lowlands oder in England zu dieser Zeit. Und auch bei Gerichtsurteilen, die am Hofe des Chiefs gesprochen wurden, kamen die meisten seiner „Kinder“ eher glimpflich davon – er kannte sie ja, und die meisten handelten aus Not heraus. Der Chief selbst verwaltete zwar das ganze Land, bestellte es aber nicht selbst, sondern erhielt Abgaben seiner Untergebenen, um zu leben. Denn schließlich musste er sich hauptsächlich um administrative Aufgaben kümmern. Er wohnte meist in einer Burg oder einem großen Wohnhaus.

Daoine uaisle: Die Tacksmen des Clans

Clanranald Man
von English: Robert Ronald
McIan (1803-1856). [Public domain],
via Wikimedia Commons

Die Menschen des Clans waren verstreut über das weite Clan-Land, alleine konnte der Ceann cinnidh die Verwaltung daher nicht sicher stellen. Zu diesem Zweck umgab er sich mit Nobelleuten, auf Gälisch „daoine uaisle“ (sprich in etwa („duine uasle“) – oft direkte Verwandte des Chiefs, zum Beispiel jüngere Brüder. Die Aufgabe der Daoine uaisle war es, in der Zeit des Friedens die Landverteilung zu regeln, für Gerechtigkeit zu sorgen und die Abgaben einzuholen. Ein einzelner „duine uasal“ trug auch den Namen „fear-taic“, „Unterstützungsmann“, was dann später ins Englische mit dem Namen „Tacksman“ einging. Die Tacksmen erhielten vom Chief Land verpachtete, das sie wiederum an die normale Bevölkerung des Clangebiets unterverpachteten. Gab es Krieg, war es die Aufgabe der Daoine uaisle, auf dem Land Truppen auszuheben und diese als Offiziere in die Schlacht zu führen, dem Oberbefehl des Chiefs gehorchend.

Aois-dàna: Barden und Gelehrte der Clans

Zu einer der bleibenden Märchen, die die Gegner der Highland-Clans leider erfolgreich verbreitet hatten, gehört die, dass die Highlander samt und sonders „wilde Barbaren“ gewesen wären. Dieser Rufmord begann schon bei den Römern und zog sich bis zur britischen Regierung rund um die Zeit von Culloden. Hier lag wohl eine Mischung aus Bösartigkeit, Unkenntnis und Intoleranz vor. Man konnte sich nicht vorstellen, das Kultur und Wissen außerhalb der Zentren der Lowlands existiert. Das ging soweit, dass man der berühmten Flora MacDonald, Tochter eines Tacksman, die als sehr gebildet galt, eine Erziehung in Edinburgh unterstellte – obwohl sie Benbecula laut eigener Aussage bis zum zwanzigsten Lebensjahr nie verlassen hatte.

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Die Lowlander und Engländer hatten schlichtweg übersehen: Die Highlands und Inseln waren selbst einst ein Reich gewesen, in dem Kultur und Wissen blühten – nämlich unter den Lords of the Isles, die alles andere als „barbarisch und ungebildet“ waren. Ein ganzer Stand kundiger Menschen existierte. Das „aois-dàna“ (sprich etwa „Üüsch Dahne“), das „begabte Volk“ stellte zum Beispiel Heilkundige, Physiker, Historiker und Ahnenforscher, letztere meist in Form der Barden. Sie waren also dem Chief auch bei der Verwaltung behilflich. Es gab ganze Familien, die sich spezialisiert hatten: Die Beatons zum Beispiel als Ärzte, die MacMhuirichs als Barden und Geschichtsschreiber. Ein MacMhuirich, Alasdair MacMaighstir Alasdair, war sogar der Sprachlehrer von Bonnie Prince Charlie. Der junge Monarch konnte ja bei seiner Landung in den schottischen Highlands kein Gälisch. Die Bildung war in den Clans also durchaus vorhanden. Und zumindest innerhalb der oberen Schichten war sie auch zugänglich.

Clachans: Das Leben der Clanmitglieder in kleinen Dörfern

Und schließlich waren da die normalen Menschen des Clans. Sie lebten quer über das Land verstreut in kleinen Ortschaften oder Weilern, die Clachans genannt wurden. Diese bestanden meist aus nicht mehr als einer Handvoll lang gezogenen reetgedeckten Steinhäusern, wie wir es heute als taigh-dubh oder Blackhouse kennen.

Blackhouse auf Lewis
Blackhouse auf Lewis

Die Blackhouses hatten keinen Kamin, der Rauch vom Herdfeuer in der Mitte des Hauses zog durch das Reetdach ab. Auch das hielt man wiederum für sehr primitiv – meist waren die Beobachter dieser Primitivität aber hohe Herren, die in ihren eigenen Städten sicher keine Wohnungen in den Arbeitervierteln besucht hatten. Für die Highlander war das Blackhouse durchaus ein geräumiges, nützliches und gemütliches Zuhause. Zwischen diesen Ortschaften wurde das Clanland von den Tacksman verteilt, möglichst gerecht. Und auch unterhalb der Bewohner der Clachans wurde für Gerechtigkeit gesorgt. Zum Beispiel sollten alle eine ungefähr gleichbleibende Qualität an Farmland bekommen. Das Runrig-System gewährleistete diese faire Verteilung. Die Länder wurden jeweils in schmale Streifen aufgeteilt, die wiederum einer Familie zugewiesen wurden. Dabei bekam jeder ein paar gute und ein paar schlechtere Rigs auf verschiedenen Feldern. Nach einer festgelegten Zahl an Ernten wurden die Rigs dann untereinander getauscht. Doch alleine vom Land konnten sich die Clansleute nicht ernähren. Darum hielten sie ebenso Nutzvieh, meist Rinder. Allerdings nicht das heute weit verbreitete Highland-Cattle mit den langen Hörnern, sondern kleinere Kühe. Weitere Nutztiere waren Schafe, die damals ebenfalls kleiner waren, und Hühner. Das Vieh lebte im Winter mit in den Häusern. Der Vorteil: Sie sorgten dadurch gleich für eine gewisse Wärme im Haus. Meist waren die Tiere im vorderen Bereich des Hauses untergebracht, der Boden leicht abschüssig zum Ausgang, so dass Urin abfließen konnte. Natürlich waren die Tiere auch auf der Weide außerhalb der Clachans, die vom Farmland meist durch eine Art Damm getrennt war. Es war auch normal, dass es eine Sommerweide gab, auf die die Familie in der warmen Jahreszeit umzog und dort in sogenannten Shielings lebte – rudimentäre Hütten aus Stein. Das Leben der Clansmitglieder war sicherlich hart, dem Boden die nötigen Nahrungsmittel zu entlocken war meist nur durch aufwändige Düngung möglich – zum Beispiel durch Seegras an den Küsten und auf den Inseln. Außerdem hatten sie zwischendurch immer wieder Kriegsdienst für den Clan zu leisten, was nicht nur das Leben der Soldaten gefährdete, sondern auch der schutzlos zurückbleibenden Frauen und Kinder. Doch am Ende schloss sich hier der Kreis: Die Familie selbst sorgte zusammen mit den gehobeneren Ständen und dem Ceann cinnidh für die Sicherheit und den Bestand des Clans.

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7 Antworten zu “Das Leben in einem schottischen Clan”

  1. Victoria Mezger

    Guten Tag, ich wollte fragen, wie die Kinder heutzutage und den Highlands leben, also wie weit sie es zur Schule haben, was sie für Musik hören, was für Filme und Bücher sie hören, was sie für Sportarten betreiben, was sie über die Highland Games wissen, was sie später mal werden wollen und was Schottland für sie besonders macht. Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen.
    Victoria

    Antworten
    • Hallo Victoria,

      die Highlands sind ein großes Gebiet, auch Inverness gehört dazu. Dort leben Kinder wie sie auch hier leben. Es ist eine Großstadt.
      Auf dem Land sind die Wege etwas weiter, oft fahren dort Schulbusse, manchmal bringen die Eltern die Kinder zur Schule. Ansonsten ist das Schulsystem dort das Gleiche wie in den Großsstdäten. In Den Highlands wird wohl aber öfter wieder Gälisch als Fach gelehrt. Ob Pflicht- oder Wahlfach, da bin ich allerdings überfragt.

      Die restlichen Fragen kann ich leider nicht beantworten, dazu müsste man mit vielen Kindern dort sprechen. Ich kenne nur einige wenige, die dazu noch deutschstämmig sind.

      Viele Grüße

      Stephan

      Antworten
  2. Victoria Mezger

    Hallo Stefan,
    vielen Dank für Ihre Mühe,
    Victoria

    Antworten
  3. Tara

    Huhu, wissen Sie in wieweit das Clansystem heute noch besteht?

    Antworten
    • Nunja, in der oben beschriebenen Form, die sich ähnlich wie ein kleiner Staat um die Belange seiner Untertanen kümmert, existiert es natürlich schon seit den Clearances nicht mehr. Es gibt aber nach wie vor Chiefs und bei vielen Clans auch Treffen, in der die Mitglieder aus aller Welt zusammenkommen. Da übernimmt es ein wenig die Form eines Heimatvereins für die Ausgewanderten. Im täglichen Leben scheint mir nach meinen Beobachtungen der Clan heute nur eine untergeordnete und höchstens repräsentative oder historische Rolle zu spielen.

      Antworten
  4. Katrin H.

    Können auch aussenstehende Clanmitglieder werden? Lg

    Antworten

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