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Scottish Crannog Centre – Leben wie in der Eisenzeit

Mitten im Loch Tay steht auf Holzpfählen ein erstaunliches Rundhaus, ein sogenanntes Crannog. Besucher können dort das Leben in der Eisenzeit am eigenen Leib erfahren.

Crannog Loch im Loch Tay

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Als er eintritt, zieht er seine Hand aus dem Lederbeutel und wirft ein paar Farnblätter auf den Boden. Sie gesellen sich dort zu den vielen anderen trockenen Pflanzenresten. So also lebten Menschen in der Eisenzeit? Auf einem Farnteppich?

Über einen Holzsteg ist unsere Besuchergruppe mit unserem Fremden-Führer ins Crannog gelangt. Crannogs sind Rundhäuser, die auf Pfählen mitten ins Wasser gebaut wurden und Schottland hatte früher viele davon. Es sind derzeit 430 Plätze gezählt worden, auf denen solche Häuser einmal standen. Übrigens: Auch bei uns waren diese Pfahlbauten einst verbreitet – zum Beispiel am Bodensee.

Das Besondere aber an diesem Crannog mitten in Schottland: Es steht wieder – komplett! Es wird sogar hin und wieder bewohnt. Und so ist es optimal, um dort Geschichte und Archäologie zu vermitteln. Am lebenden Objekt. Das heißt auch: Unser Führer ist gekleidet wie ein ehemaliger Bewohner – in Fell und Leder.

Crannog Innen
Crannog Innen

Das Crannog wirkt von außen recht groß. Doch jetzt, das wir uns darin befinden, fühle ich mich fast beengt. Abteile, Regale, Ställe für das Vieh und Lagerbereiche nehmen Platz ein. Nur in der Mitte gruppierten sich einige lange Holzbänke um einen offenen Herd. Herd? Trockener Farn? Ist das nicht feuergefährlich, will ich wissen, während wir auf den Holzbänken Platz nehmen.

Nein. Der Trick an der Sache sei nämlich der: es gibt im Crannog keinen Kamin, also auch keinen Luftzug. Selbst wenn also ein Funke in den Farn fällt, es fehlt das Anfachen. Wie schwer es ist, überhaupt Feuer zu machen, das würde ich später noch selbst sehen. Ich schaue ins Dach – tatsächlich, keine Öffnung, der Rauch wabert hier einfach durch die Decke.

Crannog Eingang
Crannog Eingang

Während mein Blick so schweift, stellt sich unser Führer den Fragen der Gruppe: Warum überhaupt so aufwendige Häuser im Wasser, warum nicht wie jeder Vernünftige an Land bauen? – Andere Zeiten! Es kam damals durchaus vor, dass marodierende Banden vorbei kamen und plünderten. Auf das Crannog kamen sie über den Steg nicht, denn selbst der hatte eine Art Zugbrücke. Außerdem fand Transport von Waren oft mit Langbooten über Wasser statt, so dass es gut war, weit über den See zu schauen.

Zwar lebten teilweise sogar das Vieh im Crannog, zusammen mit einer Großfamilie von bis zu 15 Menschen, doch spielte sich ein Großteil der Arbeit an Land ab. Felder und Weide-Flächen befanden sich vor dem Crannog. Handwerk wie das Drechseln und das Bearbeiten von Stein wurde vermutlich ebenfalls nicht im Haus durchgeführt.

Drehbank
Drehbank

Wir verlassen das Crannog und begeben uns über den Steg wieder an Land. Es übernimmt eine ebenso in frühzeitliche Tücher gekleidete Wissenschaftlerin die Tour. Sie zeigt uns, wie Holz und Stein damals bearbeitet wurden. Dabei erfahre ich, dass viele Wissenschaftler die Erfindung des Seils und des Bogens als wesentlich wichtiger erachten als die des Rads. Denn damit ließen sich bereits frühzeitliche Drehbänke und Bohrer bauen.

Der krönende Abschluss: Das Geheimnis des Feuers! Eine Wissenschaftlerin zeigt, was es alles dazu brauchte und wie lange es selbst mit passendem Werkzeug dauert, bis ein richtiges Feuer genährt ist. Das Schöne in diesem Handwerkshof: Alle dürfen selbst probieren, so lange man will.

Am Ende braucht es nur einen Schritt durch das Tor auf die Straße, um die Eisenzeit zu verlassen. Eine gelungene Zeitreise im Scottish Crannog Centre.

Wissen: Loch Tays Crannogs und Unterwasser-Archäologie

Crannog-Überrest Kenmore
Crannog-Überrest (rechts)

18 Crannogs hat man bisher alleine im Loch Tay entdeckt. Fünf davon können mit bloßem Auge sogar heute noch gesehen werden – als kleine Inseln mit Baumbewuchs. Eine davon liegt zum Beispiel nicht weit entfernt in der Bucht bei Kenmore. Je nach Wasserstand des Lochs tauchen auch weitere kleine Crannog-Inseln wieder auf. Der Höhenunterschied des Sees kann zweieinhalb Meter schwanken.

Um all diese Crannog-Überreste untersuchen zu können, tauchen die Archäologen im Loch Tay schon seit dem Jahr 1980. Dabei fördern sie Werkzeuge, Schmuckstücke, Baumaterial und sogar Überreste von Langbooten zu Tage. Die Crannog-Rekonstruktion basiert dabei hauptsächlich auf den Erkenntnissen des Oakbank Crannogs bei Fearnan, das quasi gegenüber am Ufer gelegen ist.

Verantwortlich für die Unterwasser-Archäologie und auch die Rekonstruktion des Crannogs ist der Scottish Trust for Underwater Archaeology, der hier am Loch Tay auch seinen Sitz hat.

Tipp: Lust auf ein Abenteuer? Dann nehmt die Straße durch Glen Quiach

Glen Quaich
Glen Quaich im Rückspiegel

Mein Navigationsgerät ist zuverlässig, aber es überrascht mich eben auch manchmal. So auch auf meinem Weg zum Loch Tay Crannog. Ich kam von Sterling und dachte, es würde mich via Aberfeldy nach Kenmore leiten, auf größeren und sicheren Straßen. Pustekuchen! Es schickte mich kleine Singeltrack-Roads entlang, die plötzlich auch noch den Berg hochgingen. Heute weiß ich, dass es sich um das Glen Quaich handelt, und ich bin dem Navi sehr dankbar dafür, dass es mir diese herrliche Landschaft gezeigt hat. Die Abfahrt endet fast genau beim Crannog. Allerdings ist sie sehr kurvig und eng. Ich bin mit einem Fiat 500 gefahren.

Dennoch: Die Route ist ein Tipp, ob hinwärts oder zurück. Sie ist wunderschön, wenn auch anstrengend.

Persönliche Anmerkung: Freundliche Atmosphäre im Crannog

Im HandwerksbereichIch war Mitte Juni dort. Und was mir sofort gefiel, war, dass zwar einerseits alles gut organisiert war, aber andererseits keine Hektik herrschte. Man hatte Zeit für Schwätzchen. So weiß ich also, dass unser Führer in die Eisenzeit gerne ein modernes Alugeschoss von BMW fahren würde – das fiel im jedenfalls als erstes ein, als ich berichtete, dass ich aus München komme.

Dieser freundliche Ton und die Möglichkeit Fragen zu stellen, die immer beantwortet werden konnten, setzte sich auch während der Führung und der Demonstrationen fort. Das steckte an, bald unterhielt man sich auch in der Besuchergruppe.

Ich fand die Atmosphäre hier also als sehr gelungen und einladend.

Anfahrt:

Mit Navigationsgerät: Einfach „PH15 2HY“ eingeben, schon führt einen das Navi nach Kenmore. Der Rest ist beschildert.

Ohne Navi: Von Perth nimmt man die A9 Richtung Inverness und Pitlochry, verlässt die Straße aber schon bei Ballinluig und Aberfeldy. Auf der A827 fährt man nun immer weiter bis kurz vor Kenmore. Dort der Beschilderung zum Crannog Centre folgen. Von Callander kommend fährt man die A85 bis die Abzweigung nach Killin und die Falls of Dochart angezeigt werden. Das ist wieder die A827, der man dann nach Killin und anschließend nach Kenmore folgt.

Parken kann man übrigens am Mariner Centre auf einer großen freien Fläche nahe dem Crannog.

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